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DEFAULT : Wort des Monats November
01.12.2010 19:23 ( 830 x gelesen )

Wort des Monats November 2010


„Ein offenes Herz schließt die Türen auf“

Vor vielen Jahren – so erzählt eine Geschichte- gab es eine kleine Stadt, in der die Menschen glücklich und zufrieden miteinander lebten: Sie gingen ohne Streit ihren Geschäften nach, halfen einander, wo immer sie konnten, und ließen keinen in der Not allein. Eines Tages aber gab es einen großen Krieg, und auch über die Bewohner jener kleinen Stadt kam viel Unglück: Zuerst kamen die Soldaten – sie fielen in Häuser ein und raubten, was immer sie finden konnten. Dann kamen Flüchtlinge, die um Brot baten – und die Leute, die selber nicht mehr hatten, wussten nicht, wie sie ihnen helfen sollten. Dann zogen Räuberbanden über das Land – sie nahmen den Menschen das Letzte und ließen sie arm zurück.



Als endlich wieder Ruhe ins Land eingezogen war und alle wieder daran gingen, die Häuser aufzubauen und die verwüsteten Felder zu bestellen, da sagten die Bewohner jener Stadt zueinander: „Das soll uns kein zweites Mal passieren. Wir bauen eine Mauer um unsere Stadt, so hoch, dass sie niemand übersteigen kann. Wir ziehen Gräben um unsere Stadt, so tief, dass niemand sie überwinden kann. Wir machen die Tore der Stadt so fest, dass keiner sie aufbrechen kann. Von nun an lassen wir keinen Fremden mehr herein, denn die Fremden haben uns nur Unheil gebracht. Wir bleiben für uns – jeder Fremde ist von nun an unser Feind. Dann wird uns niemand unser Brot streitig machen, niemand wird uns unsere Häuser nehmen, und wir werden endlich miteinander in Frieden leben können.“

So groß war die Angst, dass sie auch gleich daran gingen, ihren Plan auszuführen: Sie bauten eine Mauer so hoch, dass niemand sie übersteigen konnte; sie zogen um die Mauer einen Graben, den niemand überwinden konnte, und machten das einzige Tor, das Zutritt in ihre Stadt gewährte, so fest, dass niemand es aufbrechen konnte. Und als sie fertig waren, sagten sie zueinander: „Nun haben wir endlich unseren Frieden.“

Und zunächst schien es auch so, als würde ihr Plan aufgehen. Die, die ihnen übel wollten, suchten die Stadt nicht mehr heim, denn sie wussten, dass sie gut geschützt war. Aber auch das fahrende Volk, die Bettler, die durch das Land zogen, kamen nicht mehr. Und wenn doch einmal einer am Stadttor um Einlaß nachsuchte, dann wurde er von den Wachen weggeschickt: „Dies ist keine Stadt für Fremde. Geht anderswohin. Wir können euch nicht brauchen, und wir wollen euch auch nicht haben.“

Der Ruf von jener verschlossenen Stadt verbreitete sich überall im Land – bald kam niemand mehr. Nun waren die Menschen dieser Stadt ganz für sich – sie waren unbehelligt, unbeachtet, gesichert, eingeschlossen. Nun hätten sie eigentlich froh sein müssen: Sie hatten ihre Stadt ganz für sich selber, ihre Straßen waren nur für sie selber da, ihre Häuser waren ganz allein für sie da, ihre Bäume blühten nur für sie, und auch die Glocke im Kirchturm schlug nur für sie die Stunden. Sie brauchten nichts mehr zu teilen, sie brauchten keine Angst mehr zu haben, dass irgendeiner käme, um ihnen etwas wegzunehmen.

Doch froh waren sie nicht. Denn bald schlossen sie so, wie sie ihre Stadt vor den Fremden abgeschlossen hatten, ihre Häuser voreinander ab.

Bald war jeder misstrauisch darauf bedacht, dass der andere ihn auch ja nicht übervorteilte. Bitter wurden sie und misstrauisch.

Eines Tages aber geschah etwas Merkwürdiges:

Draußen vor dem Tor der Stadt erschienen plötzlich drei Kinder – zerlumpt waren sie, ausgezehrt und hungrig. Sie hatten sich verlaufen und baten um Einlaß, weil sie sonst verhungern müssten. Zwar schickten die Wachen sie weg, doch die drei Kinder waren so entkräftet, dass sie nicht mehr weiter konnten und die ganze Nacht vor dem Tor liegen blieben. Am anderen Morgen konnten es einige Bewohner der Stadt einfach nicht mehr mit ansehen: Für einen kleinen Spalt öffneten sie das große Stadttor, das viele Jahre nicht mehr geöffnet worden war. Vorsichtig holten sie die entkräfteten Kinder in die Stadt. Und plötzlich waren alle ganz besorgt um sie: Einer brachte neue Kleider, ein anderer etwas zu essen, ein dritter nahm sie in seinem Haus auf...Jeder wollte irgendetwas tun.

Schon nach drei Tagen waren die Kinder wieder bei Kräften und konnten ihren Weg fortsetzen. Die Leute der Stadt gaben ihnen viele Geschenke mit und schauten ihnen lange Zeit von der Stadtmauer her nach.

Schließlich sagte einer: „Wie schön ist es, andere Menschen aufnehmen zu können. Es ist wie ein großes Geschenk. Deshalb dürfen wir uns in Zukunft nicht mehr in unsere Stadt einschließen.

Wir müssen das Tor weit auftun. Jeder soll bei uns seinen Platz haben. Jeder soll uns willkommen sein.“ Und so taten sie das Tor der Stadt auf. Und mit dem Tor taten sie auch ihr Herz auf und nahmen die anderen wieder bei sich auf.

Bald merkten sie, dass dies nicht nur für die anderen ein Geschenk war, sondern auch für sie selber.

Entnommen: Helga Mondschein, „St. Martin“, St. Benno-Verlag, Leipzig, 1993
 


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