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DEFAULT : Nachruf für DE PELLWORMER
05.11.2008 20:29 ( 3229 x gelesen )

Nachruf für DE PELLWORMER

(in der September-Ausgabe 2005)

"Der Frühling der Ökumene hat hier geblüht" oder: Frère Roger Schutz, der Gründer und Prior der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé in Burgund,Frankreich, ist tot.



Der 90-jährige Ordensgründer war am 16.08.2005 beim Abendgebet in der „Kirche der Versöhnung“ von Taize von einer offensichtlich psychisch gestörten Frau getötet worden. Die Nachricht vom gewaltsamen Tod Frère Rogers, löste unter Christen aller Konfessionen Entsetzen und Trauer aus. Frere Roger, der Millionen Menschen in Taizé zusammengeführt hat, war mit seiner charismatischen Ausstrahlung eine der großen religiösen Persönlichkeiten der Gegenwart, ja ein ökumenischer Heiliger!
Für sein "Werk der Versöhnung" erhielt Frere Roger zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den "Templeton-Preis", der als eine Art "Nobelpreis der Religionen" gilt, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, den Internationalen Karlspreis der Stadt Aachen (1989) und den Unesco-Preis für Friedenserziehung.
Immer wieder rief er zur Versöhnung der getrennten Kirchen auf. Sie ist „wie eine Neugeburt, die im Herzen beginnt". Und er zitierte gern ein Wort des Bischofs Ambrosius von Mailand: „Beginne das Friedenswerk bei dir selbst. Wenn du mit dir selbst versöhnt bist, wirst du den Frieden auch zu anderen bringen."
Kampf und Kontemplation, Arbeit und Gebet, Armut und Gastfreundschaft, Einfachheit und Freude, Dynamik und Stille, Einheit und Vielfalt, und natürlich auch die befruchtende Begegnung zwischen verschiedenen Nationen, Religionen und Konfessionen waren die Eckpfeiler in der Spiritualität dieses so bedeutenden Christen.Wie wenige andere hatte Frere Roger - der aus der reformierten Kirche in der Schweiz kam - sein Leben der Ökumene verschrieben. Dabei setzte er besonders auf die jungen Christen.In ihm haben ganze Generationen von Jugendlichen einen Menschen gefunden, der ihnen auf faszinierende Weise einen Zugang zu einer lebendigen Beziehung mit Gott eröffnet, und sie als liebevoller Bruder und väterlicher Freund immer wieder dazu ermutigt hat, den einmal eingeschlagenen Weg auch weiterzugehen.
Er war der treue Anwalt des einfachen Vertrauens auf Gott, das sich auf tausenderlei Weisen ausdrücken und von jedem Menschen gelebt werden kann.
Noch bevor Papst Johannes Paul II. die Weltjugendtreffen einführte und damit für den katholischen Bereich einen eigentlich universaleren Grundgedanken von Frère Roger aufgriff, verkörperten die internationalen Taizé-Treffen ein religiöses Suchen der Jugend, eine fröhlich-ernsthafte Begeisterung für den Glauben. Jährlich kommen derzeit etliche hunderttausend junge Leute, Stadtkinder, Protestanten, Katholiken, Orthodoxe ins religiöse Dorf Taizé, darunter inzwischen auch viele Erwachsene, sei es, weil sie früher als Jugendliche bereits einmal im Burgundischen waren, sei es, weil sie als Ältere religiöse Orientierung zu finden hoffen - oder weil sie in einem sehr schlichten Lebensstil ganz einfach vor Gott schweigen, singen, beten wollen. Der Zeitung „La Croix" erzählte Frère Roger von vitalen Lebens- und Glaubensfragen: „Wie wird meine Zukunft aussehen? Wer ist Gott in meinem Leben? Wie kann ich in ihm Lebenssinn finden?" Die Gemeinschaft von Taizé, in der zur Zeit ungefähr hundert Brüder aus mehr als 25 Ländern leben, versucht Zuhörer und Mitsuchender zu sein. Gut ein Drittel des Ordens teilt das Leben der Menschen in verschiedenen Elendsvierteln der Erde.
Frère Roger vertraute darauf, daß die Menschen durch Christus mystisch mit Gott, „der seit aller Ewigkeit unsichtbar ist", verbunden sind, „selbst wenn es ihnen nicht bewußt ist". Hier sah er die Rolle der Kirche verankert. Hier sah er auch den Ort seiner Gemeinschaft, deren Zukunft in der Leitung bereits seit acht Jahren geregelt ist. Der Prior bestimmte den heute 51jährigen Stuttgarter Frère Alois Löser zu seinem Nachfolger.
Frère Roger: „Je mehr die Kirche gastlich offen und einfach ist, desto näher ist sie uns in unserer Zerbrechlichkeit." Zu dieser Offenheit gehört ebenfalls, daß ein tiefer innerer Respekt vor jeder Lebensäußerung, ob aggressiv oder sentimental, Versöhnung eher ermöglicht als rüde Abgrenzung oder Bevormundung. Das galt und gilt besonders auch für die mühsamen geistigen Auseinandersetzungen in der Ökumene. Vielleicht liegt hier der tiefste Grund für die Anziehungskraft von Taizé: daß jede(r) angenommen ist, wie er oder sie ist, einzigartig vor Gott.
Von dieser Konfessionen- und Länderübergreifenden Gemeinschaft, dieser „Quelle des ökumenischen Miteinanders“-so Bischof Wolfgang Huber-, konnten sich im Laufe der vergangenen Jahren auch Pellwormer Jugendliche persönlich überzeugen.
Martina Petersen, Alex und Julie Kurzke, Lena Hagen, Steffi Wulf, Nadine Balica, Sigrid Lucht, die ganze Familie Hagenhoff akzeptierten die Einfachheit und Kargheit in Taizé. Das Essen: drei Scheiben Baguette zum Frühstück, etwas Butter, Tee und ein Stückchen Schokolade. Mittags und abends wurden Reis oder Nudeln mit ein wenig Gemüse angeboten. Aber sie erlebten auch den „Geist von Taizé“, die leisen, einprägsamen, meditativen Taizé-Lieder in der Kirche, die Uneitelkeit der Brüder.
Zweimal hatte ich Gelegenheit, mit Frère Roger zu sprechen, ihm in die Augen zu sehen und mich von ihm segnen zu lassen. Dieses Erlebnis kann ich nicht in Worte fassen! Es heißt immer, man solle im Nächsten Christus erkennen. Daß diese Aufgabe ein steiniger Weg ist, wissen alle, die es versucht haben. In den Augen des alten, zerbrechlichen Mannes aus Taizé habe ich es “geschafft”.
Mehr noch: Christus hat mir in die Augen gesehen. Von Herz zu Herz.
Frère Roger Schutz ist nun heimgekehrt - um endlich "in Ewigkeit von der Barmherzigkeit des Herrn zu singen". Er werde traurig sein, seine Brüder zu verlassen, "die vielen jungen und weniger jungen Leute, deren Eingebungen Lichtstrahlen in meinem Leben waren", meinte er vor zwei Jahren, als er über den Tod sprach. Sie waren Lichtstrahlen für ihn, er ein großer Hoffnungsstrahl für uns alle.

Matthias Hagenhoff


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