*
Menu
Menu
DEFAULT : Anselm Grün, der weltweit anerkannte Bestseller-Autor und Mönch
05.11.2008 20:49 ( 4343 x gelesen )

Anselm Grün, der weltweit anerkannte Bestseller-Autor und Mönch, war zu Gast auf Pellworm

September-Ausgabe 2006 “De Pellwormer”
Von Matthias G. Hagenhoff



Nicht alle hatten einen Sitzplatz gefunden. Aber wenn man die Gelegenheit bekommt, Deutschlands heimlichen und charismatischen Bestseller-Autor im Bereich „Christliche Spiritualität und Lebenshilfe“ einmal hautnah zu erleben, nehmen offenbar viele auch eine Stunde Stehen in Kauf. Pater Anselm Grün, dessen zahlreiche Bücher in mindestens 28 Sprachen übersetzt und bisher weltweit 14 Millionen Mal verkauft wurden, war auf Einladung des Fördervereins „Freunde des Momme-Nissen-Hauses“ erstmalig auf die schöne Insel Pellworm gekommen.

Der viel gefragte Redner, geistlicher Begleiter und Berater sprach vor über 350 Zuhörern –darunter auch zahlreichen Pellwormern und eigens angereisten Gästen vom Festland- in der völlig überfüllten Freizeithalle zum Thema:

„Quellen, aus denen wir schöpfen“

Zur Person: Pater Dr. Anselm Grün wurde 1945 geboren; er legte 1964 sein Abitur an einem Würzburger Gymnasium ab und trat noch im gleichen Jahr mit 19 Jahren in die Benediktinerabtei Münsterschwarzach, nahe der Mündung der Schwarzach in den Main, ein. Er studierte in St. Ottilien und Rom bis 1971 Philosophie und Theologie und später Betriebswirtschaftslehre in Nürnberg. 1974 promovierte er zum Doktor der Theologie. In seinen vielen Schriften verknüpft der zierliche und sensible „geistliche Vater“ im Habit - im Unterschied zu Eugen Drewermann- die moderne Psychologie mit der Mystik und reichen Tradition der alten Mönchs- und Wüstenväter. Die Kunst der Menschenführung, deren Grundlage sich schon in der „Regula Benedicti“, der Regel des Ordensgründers Benedikt von Nursia (480-547) findet, vermittelt er auch zahlreichen deutschen Spitzenmanagern in den stark nachgefragten Führungskräfte-Seminaren. Er nennt es „Führen mit Werten“ – anstelle von Eitelkeit und Machtgier. So gesehen sind die „Spezialkurse“ der Benediktinerabtei Münsterschwarzach vollkommen zeitgemäß. Gutes Management und christliche Meditation sind keine Gegensätze, sie gehören zusammen wie „Materie und Geist“, die beiden Pole, zwischen denen die Lebensenergie pulsiert. Wenn es zwischen „Geist und Materie“ ein Ungleichgewicht gibt, kommt es früher oder später zu Störungen - in der Psyche des Menschen, in der Wirtschaft, in der Gesellschaft.

Pater Dr. Anselm Grün und Matthias G. Hagenhoff Foto: Katja Plümäkers, Neue Kirchenzeitung

Klugheit, Besonnenheit, Tapferkeit und Gerechtigkeit – es seien diese alten christlichen Kardinaltugenden, die es beispielsweise zur Herstellung eines wertvollen Produktes brauche, erklärte mir der sympathische Ordensmann in einem persönlichen Gespräch. In einem aggressiven Geschäftsklima mit einem „rein merkantilen Ansatz“ ist für ihn eine wirkliche Wertschöpfung undenkbar.

Anselm Grün gliederte seinen Vortrag auf Pellworm in drei Abschnitte:

1. Quellen, aus denen wir leben
2. das enge und das weite Herz
3. die Sehnsucht als liebendes Verlangen nach dem, was das Herz zutiefst erfüllen und befriedigen kann.

Für den Benediktinerpater schwingt in aller irdischen Sehnsucht auch immer die letzte Sehnsucht nach Gott mit. Dies zu wissen ist entlastend: Es hält davon ab, das eigene Leben mit Erwartungen zu überfordern und andere Menschen mit Wünschen zu erdrücken. Viele Menschen seien erschöpft, weil sie aus falschen Lebensmustern heraus arbeiteten. Sie arbeiteten nach dem Motto: „Hoffentlich mache ich alles richtig.“ „Hoffentlich mache ich keinen Fehler.“ „Hoffentlich gibt es keinen Streit.“ Mit solchen Lebensmustern ist man bald am Ende, ausgebrannt- auch atemlos, spürt man keine Kraftquelle mehr. Fachleute nennen dieses Syndrom „burn-out“ oder deutsch: „ausgebrannt sein“.

Krankmachender Stress sei aber auch immer ein spirituelles Problem. Anselm Grün ist kein Theoretiker der gesunden Lebenskunst, er ist ein Praktiker. Und so hält er auch keinen Vortag - im Schnitt 200 Vorträge pro Jahr im In- und Ausland-, in dem er nicht auch von sich erzählt, von seiner eignen Erfahrung, als Mensch und Mönch und woraus er seine Kraft zieht. Die „Sehnsucht nach solider Kost“ stillt er, indem er den Reichtum christlicher Tradition in einer Sprache verkündet, die die Herzen berührt. Dabei nutzt er sehr gerne „das Bild der Quelle“. Quellen können trüb, leer und erschöpft sein. Solche Quellen stillen keinen Durst. Klare Quellen aber sind im Sinne des Wortes „erfrischend“ und „kraftspendend“. Die klaren Quellen für unser eigenes Leben müssen wir selbst entdecken. Jeder von uns trägt sie mit sich. Und all zu oft sind sie nur verborgen oder verschüttet.

Was sind „trübe Quellen“?
Der wirtschaftliche Leiter der Abtei Münsterschwarzach mit über 300 Mitarbeitern, kam dabei auf die heutige Lebens- und Arbeitswelt zu sprechen. Diese sei nicht mehr wirklich menschenfreundlich. Mitarbeiter sollen möglichst ehrgeizig sein und ohne Rücksicht auf ihre Kollegen an ihrer eigenen Karriere arbeiten. Wörtlich sagte Grün: „Da werden andere Menschen wie Schachfiguren hin- und hergestellt und nur dazu benutzt, um selbst voranzukommen. Aggressives Verhalten und Durchsetzungsfähigkeit sind gefragt und werden für Führungspositionen geradezu als selbstverständliche Vorraussetzung gefordert. Belastungsfähigkeit ist eine ganz selbstverständliche Tugend, die auch jederzeit unter Beweis zu stellen ist. Und jeder ist angehalten, den Druck weiterzugeben.“ Doch aggressives Verhalten erzeuge keineswegs gute Leistungen, geschweige denn Höchstleistungen. Bluthochdruck, Depression und andere Stresssymptome sind die Konsequenz. Und so spricht man heute von Erschöpfungsdepression, die dann auftritt, wenn die innere Quelle „erschöpft“ ist, weil man sie zu schnell und zu unsensibel ausbeuten wollte. Negative Emotionen trüben die inneren Quellen, die doch eigentlich Kraft spenden sollen. Er veranschaulichte dies in seinem Pellwormer Vortrag anhand von konkreten Beispielen: „Angst“ könnte eine warnende und lebensfördernde positive Rolle in unserem Leben spielen, als zerstörerische Kraft überwältigt sie uns und würgt Lebendigkeit und Kreativität ab. „Übertriebener Ehrgeiz“ kann unsere Möglichkeiten der Regeneration trüben, „Ehrgeiz“ kann uns zu einem inneren Gefängnis werden. Während uns ein gesunder Ehrgeiz durchaus helfen könnte, unsere Fähigkeiten zu entfalten und sorgfältig zu arbeiten. „Arbeitssucht“ ist heute eine nahezu akzeptierte Sucht und steht der Gier nahe. Der Süchtige aber hat Angst, sich selbst zu spüren. „Perfektionismus“ ist ebenfalls eine trübe Quelle. Er setzt uns unter ständigen Druck, er lähmt uns, letztlich raubt er die Energie. „Sich selbst beweisen wollen“ ist eine Haltung, die auslaugt, wenn wir ständig nur noch um uns selbst kreisen, um unseren eigenen Erfolg, um unsere eigene Bestätigung und nicht mehr offen sind für andere Menschen. Dann schöpfen wir, so der Benediktinerpater, aus einer trüben Quelle. „Sich selbst unter Erwartungsdruck setzten“ - das geschieht dann, wenn man sich vor irgendwelchen Ansprüchen anderer oder aber des eigenen „Über-Ichs“ beugt. Wir sind aber frei, in wie weit wir fremden Erwartungen entsprechen wollen.

Und der „Autor des Jahres 2003“ in Spanien - Anselm Grün- benennt noch weitere „negative Emotionen“, die doch letztlich nur Zwänge sind, die uns in unserer eigenen Entfaltungsmöglichkeit einschränken: „Rivalität und Konkurrenzkampf“ oder „Depression und Ärger“. Sie alle führen zu zerstörerischen Lebensmustern. „Klare Quellen“ sind dagegen die eigenen Ressourcen, die leicht durch die eigene Vorstellungskraft zu erlangen sind, so zum Beispiel, wenn wir glückliche Kindheitserinnerungen und schöne Gefühle reaktivieren. Auch äußere Quellen wie zum Beispiel die Natur auf Pellworm oder Musik, das Lesen, können helfen, mit der inneren Quelle in Berührung zu kommen.
Am Ende seines gut 60-minütigen Vortrages erläuterte der begnadete Benediktinerpater noch die „reine Quelle“ des lebendig machenden Heiligen Geistes. Das Wort „GEIST“ kommt bekanntlich vom lateinischen Wort „Spiritus“, was „Atem“ oder „Hauch“ (Gottes) bedeutet. Besonders interessant ist dabei der Blick auf die älteste Sprache der Bibel, das Hebräische: „GEIST“ – hier „Ruach“- verbindet sich mit Vorstellungen wie Brausen, Wehen, Sturm, Atem, leiser Windhauch.
Die Früchte des Heiligen Geistes sind „klaren Quellen“. Original-Ton Anselm Grün: „Als Christ und Mönch lebe ich aus der Quelle des Heiligen Geistes. Für mich ist wichtig, dass in mir etwas ist, was größer ist als ich selber, und dass es nicht darum geht, mich in den Mittelpunkt zu stellen, sondern durchlässig zu sein für die Quelle des Heiligen Geistes. Natürlich ist das keine Garantie, dass ich nur durchlässig bin für den Heiligen Geist. Aber ich weiß, wenn ich aus dieser „Quelle des Heiligen Geistes“ arbeite, dann ist es nicht anstrengend. Denn die sprudelnde „Quelle des Heiligen Geistes“, aus der ich schöpfe, ist unerschöpflich. Und für mich ist es immer ein Zeichen: wenn ich erschöpft bin, dann weiß ich genau, jetzt habe ich aus einer trüben Quelle geschöpft. Wer aber aus der „Quelle des Heiligen Geistes“ lebt, der entdeckt in sich neue Lebendigkeit, die Fähigkeit wahrer Liebe und eine Kreativität, die Frucht bringt.“
Anselm Grün zeigte in seinem berührenden Vortrag auf Pellworm Wege zu einem neuen Leben in Fülle. Und offensichtlich versteht er es mit seiner „geerdeten Spiritualität“, die Stille und Tiefe, Atem und Weite verbindet, die Menschen immer wieder zu diesen „Lebens-Quellen“ zu führen und die Augen und Herzen für eine andere, tiefere Wirklichkeit zu öffnen. „Seine Bücher“, so erzählte mir eine ältere Frau, die zum Signieren am Büchertisch wartete, „sind Balsam für meine Seele und im besten Sinne gute Medizin!“ Das Buch als Therapeutikum mit erstaunlicher Heilkraft!

Foto: Gertrud Hagenhoff

Nicht zuletzt „spürt“ er in seinen zahlreichen Büchern solchen Fragen nach wie: „Welcher Geist bestimmt den Bauplan und die Architektur meines Leben?“ „Welcher Atem weitet meine Seele?“ „Aus welcher Tiefe ziehen meine Wurzeln ihre Kraft?“ Den Abschluss seines Vortrages auf Pellworm bildete ein „Abend-Ritual“, um den Tag bewusster abschließen zu können.

Anselm Grün zu Gast auf Pellworm

Die Hände über die Brust kreuzend (was dann alle Anwesenden auch taten) sprach der asketisch wirkende Pater vor über 350 Zuhörern ein altes Gebet aus dem 4. Jahrhundert, das in den „inneren Raum der Stille und des Friedens“ führen sollte, dort, wo Gott in uns wohnt und Urteile und Verurteilungen, Ablehnungen und Verletzungen, Sorgen und Probleme, der innere und äußere Lärm und Menschen keinen Zutritt haben.
In diesem beruhigenden und zugleich ungewöhnlichen Schlussakkord wurde für einen kleinen Moment praktisch für jedermann erfahrbar, was es heißt, mit den eigenen inneren Quellen in Berührung zu kommen. Oder, um es mit dem spanischen Literatur-Nobelpreisträger Juan Ramón Jiménez zu sagen:

„Was kümmert mich die dürre Sonne?
Ich schaffe die blaue Quelle in meinem Inneren.
Schnee oder Licht – Was tut’s?
Ich schaffe in meinem Herzen die rotglühende Schmiede.
Was kümmert mich die menschliche Liebe?
Ich schaffe der Liebe Ewigkeit in meiner Seele.“

 

zurück nach oben


Zurück Druckoptimierte Version Diesen Artikel weiterempfehlen... Druckoptimierte Version
Impressum_bottomleft

     Sitemap   I   Impressum   I   Datenschutz     

Datum

Benutzername:
User-Login
Ihr E-Mail