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DEFAULT : „Ein Leben ohne Musik ist ein Irrtum!”
05.11.2008 21:02 ( 3466 x gelesen )

„Ein Leben ohne Musik ist ein Irrtum!“

September-Ausgabe 2006 „De Pellwormer“



De Pellwormer

(Hermann, Carlo, Fritz Rau, Matthias, Uwe, Christoph)



Wie präsentiert sich der Mann, der große alte Zampano der U-Musik, der „Godfather“ der Konzerttourneen (wie Mick Jagger ihn ehrfurchtsvoll genannt hat), der vor kurzem nach 50 Jahren als Macher und Konzertveranstalter aus dem Bereich „backstage“ heraus in das Rampenlicht der Bühne getreten ist und Einblicke in sein Lebenswerk gibt?

Temperamentvoll, begeistert und begeisternd, kritisch, selbstironisch, „für die Musik brennend wie eine Fackel“, Fritz Rau, 76 Jahre und kein bißchen leise. Fritz Rau präsentierte sich und sein autobiographisches Buch „Fritz Rau – 50 Jahre backstage“ – Erinnerungen eines Konzertveranstalters“ am 25. August in einer Veranstaltung des „Fördervereins der Freunde des Momme-Nissen-Hauses“ in der Freizeithalle, dem Fritz Rau zudem noch sein Honorar spendete. Nun könnte man denken, na denn, noch jemand, der sich berufen fühlt, den Mitmenschen sein Leben aufzudrängen und eventuell noch ein bißchen Kohle damit zu machen. Weit gefehlt! Hier schreibt einer als Zeitzeuge der Unterhaltungskulturgeschichte, der 50 Jahre lang als Veranstalter und Partner bei „Lippmann und Rau“ die Künstlerinnen und Künstler („Sie sind die Sonne am Konzertfirmament!“) des Blues, Folk, Jazz, Rock und Pop begleitet und populär gemacht hat nach dem Motto: „Blood, Sweat and Tears“
Herzblut, Angstschweiß und Freudentränen. Es waren Horst Lippmann und seine Freunde, die in den frühen 40er Jahren sozusagen als „subversive kulturelle Opposition“ zum Nazi-Regime die „entartete“ amerikanische Swing-Musik in der verschworenen Gemeinschaft des Hot-Club in Frankfurt hörten und pflegten, dafür schließlich in Gestapo-Haft kamen und bei Kriegsende befreit wurden, und die den jungen Fritz Rau faszinierten und die Fackel in ihm entzündeten. „Ich wurde neu geboren, der Jazz ist die Verkörperung der Freiheit und der Individualität, der Jazz hat meine Entnazifizierung möglich gemacht.“ Nun sollte aber der Bauernbub aus einem Pforzheimer Landkreis nicht unbedingt nur mit den „Swingheinis“ durch die Gegend ziehen, nein, ein ordentliches Jura-Studium mußte schon sein, und so fuhr Fritz Rau lange zweigleisig durchs rastlose Leben.
Volljurist wurde er schließlich auch, aber sein Herzblut strömte ungebremst in die sich entwickelnde Musikszene in Deutschland, Europa und Übersee. 1955 fand seine erste Konzertveranstaltung in der Heidelberger Stadthalle statt, die „Frankfurt All Stars“ um Albert und Emil Mangelsdorff erlebten geduldig den „völlig hektischen Geschaftlhuber“ Fritz Rau, der den Konzertabend, immerhin sein Debut als Macher „backstage“, dennoch leidlich über die Runden brachte. Ein Kinobesitzer hatte ihm zur Kosten-Risiko-Deckung 5.000 Mark zur Verfügung gestellt, 1.400 Karten wurden schließlich und meist sehr direkt an den Mann gebracht, das Konzert wurde ein voller Erfolg. In begeisterten Kritiken war lediglich einschränkend von einem „unmöglichen Ansager“ die Rede, tja, der mit neuen Schuhen (quälende zwei Nummern zu klein) versehene, wuselige Fritz Rau mußte die Ansage gebückt in das niedrige Saxophon-Mikrophon sprechen, was dann wohl ein wenig seltsam-quäkig anmutete. Trotz allem, sein erstes Konzert, ausverkauft und somit „der Orgasmus des Veranstalters“. „The first cut is the deepest“, hätte Cat Stevens dazu gesagt.
Nachdem Horst Lippmann seinem „Kofferträger“ Fritz Rau die gleichberechtigte Partnerschaft in seiner Konzertagentur angetragen hatte, konnte die „Lippmann und Rau – Story“ ihren erfolgreichen Lauf in Deutschland, Europa, Nord- und Südamerika nehmen. „Am Anfang waren der Blues und die Leidenschaft, das Geld kam später.“ „Man muß das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen, und man muß seinen Job, welchen auch immer, optimal ausführen.“ Und er kennt sie alle und hat sie alle betreut, die bedeutenden Künstlerinnen und Künstler der Unterhaltungsmusik, und seine Augen blitzen, wenn er miterlebte Anekdoten erzählt und „die Wutz rausläßt“.
Fritz Rau, dem von seinem Namensvetter Johannes Rau 2002 das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde, hat 50 Jahre als Kulturschaffender seinen „harten, ereignisreichen Traumberuf“ ausgeübt und gelebt, die Entwicklung vom biederen Konzerthandwerk bis in die heutige Unterhaltungsindustrie begleitet und geprägt und ohne staatliche Subventionen eine hervorragende Kulturarbeit geleistet. Wer ihn an diesem Abend in der Freizeithalle erlebt und gesehen hat, wie er wohlwollend lächelnd und den Kopf im Takt wiegend dem Pellwormer Trio „Plan B2“ (Hermann Petersen, Carlo Sibbert und Dr. Uwe Kurzke) gelauscht hat, das einige Klassiker der U-Musikgeschichte zum Besten gab, der hat gespürt, daß Fritz Rau ein alter Herr ist, der noch so viel zu sagen hat und dies mit humorvoller, bescheidener Bestimmtheit tut. „Die handgemachte Live-Musik ist die Essenz meines Lebens“, und Fritz Rau brennt immer noch wie eine Fackel für diese Musik.

Carlo Sibbert

Das Buch: „Fritz Rau – 50 Jahre backstage – Erinnerungen eines Konzertveranstalters“, erschienen im Palmyra-Verlag, ISBN 3-930378-65-5

 

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