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DEFAULT : Wort des Monats
04.11.2008 00:31 ( 1534 x gelesen )

Wort des Monats

Januar - Dezember 2006


Dezember 2006

Von: Matthias G. Hagenhoff

Der Advent ist die Zeit des Trostes - Betrachtung 2006

In einem Adventschoral des Jesuitenpaters Friedrich Spee aus dem Jahre 1622 heißt es: „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all‘ ihr‘ Hoffnung stellt?“
Die wichtigsten Dinge unseres Lebens erschließen sich in tiefen Bildern. Eines dieser Bilder ist das Bild der Nacht. Immer hat der Advent, der uns ein neues Kirchenjahr einläutet, dieses Dunkel erkannt als Realität unseres Lebens, die man nicht überspielen kann. Wir kennen die „Nacht“, sowohl die Nacht um uns herum, als auch die in uns. Es ist die Angst, einen lieben Menschen zu verlieren, allein gelassen zu werden, den Arbeitsplatz zu verlieren. Angst bereitet schlaflose Nächte.
„Nacht“ bedeutet beides: Sie ist undurchschaubar, gefährlich und sie ist schützendes Dunkel, Raum des Vertrauens, erholsamer Schlaf. Die Botschaft des Advents lautet: Die Nacht gehört zu unserem Leben dazu, aber es wird nicht Nacht bleiben. Auch im Dunkel ist Gott anwesend. Die Adventsbotschaft verschweigt nicht das Dunkel, aber sie verheißt das Licht. Das bedeutet nicht Vertröstung, wohl aber Trost. Das deutsche Wort Trost kommt vom selben Wortstamm wie das Wort Treue. Es hat also mit innerer Festigkeit zu tun. Trost ist immer dann gefragt, wenn wir einen Verlust erlitten haben.
Der Prophet Elia vernimmt auf dem heiligen Berg Horeb die Stimme Gottes im sanften Säuseln des Windes. Diese Stimme sagt ihm: „Ich will eine Güte, die verwandelt und heilt. Geh und tröste mein Volk.“ Dies ist uns geblieben als Verheißung und Auftrag: Wir sollen getröstet werden und andere trösten.
Trost hat mit Nähe zu tun. Wer tröstet? Eine Mutter tröstet, die ihr Kind in den Arm nimmt. Ein Besucher, der nur die Hand des Kranken hält. Jemand, der aufmerksam und geduldig zuhört. Jemand, der sensibel spürt, was der andere jetzt braucht. Wir sehnen uns nach der Hand, die uns tröstlich übers Haar fährt, und nach einer Stimme, die sagt: „Es wird doch alles wieder gut!“
Eine „adventlich“ lebende Kirche kann heute ein Ort des Lebens und Trostes sein, wo es Güte und Geduld, Offenheit und Zuversicht gibt, eine „Oase“ in einer Gesellschaft, in der es soviel Härte und Hoffnungslosigkeit gibt.
Gott wird in den Adventsliedern mit dem wunderschönen Namen „Trost“ bezeichnet. In menschlichen Bildern wird im Buch des alttestamentlichen Propheten Jesaja vom Kommen des Reiches Gottes gesprochen: „Tröstet, ja, tröstet mein Volk!“ Gott, der "Trost der ganzen Welt", lässt sich finden in der Tiefe meines Lebens, in der Tiefe meiner Seele; denn ER wohnt in mir, ER ist meine göttliche Mitte. Gott lässt sich finden in anderen Menschen und Geschöpfen; denn ER ist die Mitte aller Menschen und anderen Geschöpfe. Der adventliche Trost vertröstet nicht. Er verändert uns. Er leuchtet unser Leben aus, so wie schon eine Kerze einen ganzen dunklen Raum hell machen kann. Er gibt den Wartenden Kraft und der Zuversicht ein Ziel.
Entdecken Sie die Spuren dieses Trostes im Advent! Das wünsche ich Ihnen von Herzen.

Matthias G. Hagenhoff,
Pellworm

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"Siehe, die Weisen haben sich aufgemacht. Ihre Füße liefen nach Bethlehem, ihr Herz aber pilgerte zu Gott. Sie suchten ihn; aber während sie ihn suchten, führte er sie schon... Sie sehen einen Stern seltsam am Himmel emporsteigen... Sie gehen verschlungene Wege, aber vor Gottes Augen ist es der gerade Weg zu ihm, weil sie ihn in Treue suchen. Der Weg ist weit; die Füße werden müde und das Herz wird schwer... Aber ihr Herz hält durch... Lasst auch uns auf die abenteuerliche Reise des Herzens zu Gott gehen! Lasst uns aufbrechen und vergessen, was hinter uns liegt! Es ist noch alles Zukunft - weil wir Gott noch finden, noch mehr finden können. Der Weg geht durch Wüsten und Finsternisse. Aber verzage nicht: der Stern ist da und leuchtet..."
(Karl Rahner)

- Aufbruch - Geführt von Gott - vom Stern erleuchtet - abenteuerliche Reise des Herzens - alles ist Zukunft - Gott suchen und finden -

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Heimkehr zur Krippe.

Kommen dürfen,
auch von weit her.
Nichts mitbringen müssen.
außer sich selbst.
Mit Licht und Schatten
für und wider,
ja und nein.
Wieder ein Kind sein und staunen.
So einfach.
So geheimnisvoll ist das Leben.
Eine Hütte der Geborgenheit,
aus der die Liebe leuchtet.
Eine handvoll Menschen,
die ihre Anteilnahme bekunden.
Dazu die Geschwister Tiere und Pflanzen.
Was bedarf es mehr?
Neu anfangen,
so in die Jahre gekommen du bist.
Entdeckungen machen,
die nur Kinderherzen gelingen.
Sich beschenken lassen.
Einen Duft nach Zuhause verspüren.
Nach so vielen Bitternissen
fähig werden zum Freuen.
Auch Tränen können Geburtswehen sein.
Da, zwischen Erschrecken und Wonne
lächelst du schon.
Ja, glaub es,
die Tür steht offen,
du brauchst nur einen Schritt zu machen,
und du bist mitten im Paradies.
Gott selbst wartet auf dich.
Wahrlich, sagt der Engel
und erinnert dich:
Heute noch.
Und der Stern bestätigt ihn glänzend.

(AutorIn unbekannt)

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Gott lässt uns nicht im Dunklen tappen. Er hat sich als Mensch gezeigt. So groß ist er, dass er sich leisten kann, ganz klein zu werden. Gott hat ein menschliches Gesicht angenommen. Erst dieser Gott erlöst uns von der Weltangst und von der Furcht vor der Leere des eigenen Daseins.

Papst Benedikt XVI.

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Einen Stern setzen
über deine Erinnerungen
dein Haus
dein Tun
deinen Weg
ins Herz

Und von dort aus weitergehen
ihm nach
dem Frieden entgegen

Marie Luise Kaschnitz (Die Nacht ist voller Sterne)


Wer ist Joseph? Ein "Träumer", ein "Versponnener", ein "Sternwandler"?
Er schläft und ist dennoch im Mittelpunkt des Geschehens, im Traum vom Engel umsponnen, von einem strahlenden Stern berührt. Das ist die Vorgeschichte von Weihnachten: "Maria war mit Joseph verlobt. Noch bevor sie zusammen gekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete. Joseph, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen. Während er noch darüber nachdachte, erschien ihm ein Engel im Traum und sagte: Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen."
Wer ist dieser Joseph? Nicht doch eher ein harmloser Greis, ausgenutzt und betrogen? Der Mann kann einem leidtun, aber, so die Bibel, Joseph ist bei klarem Verstand, er ist ein rechtschaffener, ja ein gerechter Mann. Als gerechter Mann hätte er allerdings Maria verlassen müssen, Joseph jedoch stellt sich gegen die äußeren Konventionen und frommen Traditionen Er bricht das Gesetz um der Liebe und eines neuen Lebens willen. Gegen jegliche Vernunft folgt er seinem Herzenstraum, folgt dem Stern und nimmt Maria zu sich.
Auf dem Bild oben links ist zu ahnen, was das bedeutet: Die Haare des Engels umflattern die beiden wie weißes Feuer. Feuerprobe, - Feuerprobe ohne schnelles Happyend: Und so geht es weiter, auf unserem Bild in drei weiteren Szenen dargestellt: Auf dem Weg nach Bethlehem finden sie keine Herberge. Die Geburt im Stall ist alles andere als eine weihnachtliche Sternstunde, wie man sich das Kommen des Messias, des Gottessohnes vorstellt: eine Krippe, eine Mutter, ein Kind, ein Mann. Und dann, so heißt es im Matthäusevangelium: "Wiederum sagte der Engel zu Joseph im Traum: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten. Bleibe dort, bis ich es dir sage! Denn Herodes fahndet nach dem Kind, um es zu töten." Noch zwei weitere Male wird Joseph im Traum von einem Engel berührt. Immer wieder muss er aufbrechen. Immer wieder muss er neue Wege wagen. Das Besondere an Joseph ist: Er ist ein Mensch, der seinen Träumen traute.

Welche Wachheit und welcher Mut gehören dazu, innere Erfahrungen so ernst zu nehmen, dass wir nach ihnen handeln?
Und Weihnachten? Ist nicht auch Weihnachten bis heute ein großer Traum geblieben, ein Traum, der immer wieder Menschen einlädt, ihn weiter zu träumen?
Und wir: Habe ich noch Träume, die mich berühren? Sehe ich noch Sterne, denen ich folgen möchte? Und wenn ich Träume habe, traue ich Ihnen?

4-5 mal pro Nacht kommt es zu intensiven Träumen, sagen Schlafforscher.
Träume sind Fenster zu unserer Seele, sagen Psychologen.
Träume sind Gottes vergessene Sprache, sagen Theologen.

Wenn ein Mensch im Traum durchs Paradies gehen könnte - so der englische Dichter Samuel Taylor - und ihm als Unterpfand, dass seine Seele wirklich da gewesen ist, eine Blume geschenkt würde, und er wachte auf und hielte tatsächlich die Blume in der Hand... was dann?

Was dann...? Halten wir in unseren Träumen vielleicht auch eine Blume in der Hand und können es nur noch nicht glauben?

Vielleicht ist die Adventszeit eine gute Gelegenheit, einen unserer Träume ernst zu nehmen. Vielleicht können wir im Advent beginnen, einen unserer Träume zu leben. Vielleicht ist das der Stern, dem sich zu folgen lohnt.

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"Wer seinem Stern folgt,
kehre nicht um."

(Leonardo da Vinci)

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Advent vielleicht

Das wäre schön auf etwas hoffen zu können
was das Leben lichter macht und leichter das Herz
das gebrochene ängstliche
und dann den Mut haben die Türen weit aufzumachen
und die Ohren und die Augen und auch den Mund
nicht länger verschließen
das wäre schön
wenn am Horizont Schiffe auftauchten
eins nach dem anderen
beladen mit Hoffnungsbrot bis an den Rand
das mehr wird immer mehr
durch Teilen
das wäre schön
wenn Gott nicht aufhörte zu träumen in uns
vom vollen Leben einer Zukunft für alle
und wenn dann der Himmel aufreißen würde ganz plötzlich
neue Wege sich auftun hinter dem Horizont
das wäre schön

Carola Moosbach

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"Weihnachten kommt und geht.
Menschsein und die Liebe ist eine
tägliche Herausforderung."

(Gudrun Kropp )

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Weihnachten
immer noch suchen
nach Zeichen
oben
zwischen Wolken
hinter Welten

und doch nichts finden
als ein Kind unser
Ein und Alles

Wilhelm Bruners

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Die Legende vom vierten König

Außer Caspar, Melchior und Balthasar war auch ein vierter König aus dem Morgenland aufgebrochen, um dem Stern zu folgen, der ihn zu dem göttlichen Kind führen sollte. Dieser vierte König hieß Coredan. Drei wertvolle rote Edelsteine hatte er zu sich gesteckt und mit den drei anderen Königen einen Treffpunkt vereinbart. Doch Coredans Reittier lahmte unterwegs. Er kam nur langsam voran, und als er bei der hohen Palme eintraf, war er allein. Nur eine kurze Botschaft, in den Stamm des Baumes eingeritzt, sagte ihm, dass die anderen drei ihn in Betlehem erwarten würden. Coredan ritt weiter, ganz in seinen Wunschträumen versunken.
Plötzlich entdeckte er am Wegrand ein Kind, bitterlich weinend und aus mehreren Wunden blutend. Voll Mitleid nahm er das Kind auf sein Pferd und ritt in das Dorf zurück, durch das er zuletzt gekommen war. Er fand eine Frau, die das Kind in Pflege nahm. Aus seinem Gürtel nahm er einen Edelstein und vermachte ihn dem Kind, damit sein Leben gesichert sei. Doch dann ritt er weiter, seinen Freunden nach. Er fragte die Menschen nach dem Weg, denn den Stern hatte er verloren. Eines Tages erblickte er den Stern wieder, eilte ihm nach und wurde von ihm durch eine Stadt geführt. Ein Leichenzug begegnete ihm. Hinter dem Sarg schritt eine verzweifelte Frau mit ihren Kindern. Coredan sah sofort, dass nicht allein die Trauer um den Toten diesen Schmerz hervorrief. Der Mann und Vater wurde zu Grabe getragen. Die Familie war in Schulden geraten, und vom Grabe weg sollten die Frau und die Kinder als Sklaven verkauft werden. Coredan nahm den zweiten Edelstein aus seinem Gürtel, der eigentlich dem neugeborenen König zugedacht war. „Bezahlt, was ihr schuldig seid, kauft euch Haus und Hof und Land, damit ihr eine Heimat habt!“ Er wendete sein Pferd und wollte dem Stern entgegenreiten - doch dieser war erloschen. Sehnsucht nach dem göttlichen Kind und tiefe Traurigkeit überfielen ihn. War er seiner Berufung untreu geworden? Würde er sein Ziel nie erreichen?

Eines Tages leuchtete ihm sein Stern wieder auf und führte ihn durch ein fremdes Land, in dem Krieg wütete. In einem Dorf hatten Soldaten die Bauern zusammengetrieben, um sie grausam zu töten. Die Frauen schrieen und Kinder wimmerten. Grauen packte den König Coredan, Zweifel stiegen in ihm auf. Er besaß nur noch einen Edelstein - sollte er denn mit leeren Händen vor dem König der Menschen erscheinen? Doch dies Elend war so groß, dass er nicht lange zögerte, mit zitternden Händen seinen letzten Edelstein hervorholte und damit die Männer vor dem Tode und das Dorf vor der Verwüstung loskaufte. Müde und traurig ritt Coredan weiter. Sein Stern leuchtete nicht mehr. Jahrelang wanderte er. Zuletzt zu Fuß, da er auch sein Pferd verschenkt hatte. Schließlich bettelte er, half hier einem Schwachen, pflegte dort Kranke; keine Not blieb ihm fremd. Und eines Tages kam er am Hafen einer großen Stadt gerade dazu, als ein Vater seiner Familie entrissen und auf ein Sträflingsschiff, eine Galeere, verschleppt werden sollte. Coredan flehte um den armen Menschen und bot sich dann selbst an, anstelle des Unglücklichen als Galeerensklave zu arbeiten.

Sein Stolz bäumte sich auf, als er in Ketten gelegt wurde. Jahre vergingen. Er vergaß, sie zu zählen. Grau war sein Haar, müde sein zerschundener Körper geworden. Doch irgendwann leuchtete sein Stern wieder auf. Und was er nie zu hoffen gewagt hatte, geschah. Man schenkte ihm die Freiheit wieder; an der Küste eines fremden Landes wurde er an Land gelassen. In dieser Nacht träumte er von seinem Stern, träumte von seiner Jugend, als er aufgebrochen war, um den König aller Menschen zu finden. Eine Stimme rief ihn: „Eile, eile!“ Sofort brach er auf, er kam an die Tore einer großen Stadt. Aufgeregte Gruppen von Menschen zogen ihn mit, hinaus vor die Mauern. Angst schnürte ihm die Brust zusammen. Einen Hügel schritt er hinauf, Oben ragten drei Kreuze.
Coredans Stern, der ihn einst zu dem Kind führen sollte, blieb über dem Kreuz in der Mitte stehen, leuchtete noch einmal auf und war dann erloschen. Ein Blitzstrahl warf den müden Greis zu Boden. „So muss ich also sterben“, flüsterte er in jäher Todesangst, „sterben, ohne dich gesehen zu haben? So bin ich umsonst durch die Städte und Dörfer gewandert wie ein Pilger, um dich zu finden, Herr?“ Seine Augen schlossen sich. Die Sinne schwanden ihm. Da aber traf ihn der Blick des Menschen am Kreuz, ein unsagbarer Blick der Liebe und Güte. Vom Kreuz herab sprach die Stimme: „Coredan, du hast mich getröstet, als ich jammerte, und gerettet, als ich in Lebensgefahr war; du hast mich gekleidet, als ich nackt war!“

Und der Sterbende am Kreuz schaute gerade auf ihn herab - mit gütigem Blick. Da
kniete der vierte König nieder und sagte: „Herr endlich bin ich da, meine Hände sind leer, aber mein Herz ist reich.“ - „Ich weiß“ sprach der Herr am Kreuz; „doch alles, was du an den Geringsten unter den Menschen getan hast, das hast du für mich getan.“ Da faltete der vierte König die Hände. Drei Blutstropfen des sterbenden Jesus fielen in diese gefalteten Hände. Dann neigte Jesus das Haupt und starb.
Als der vierte König seine Hände wieder aufmachte, da waren die Blutstropfen
verschwunden, sie waren zu drei herrlichen roten Edelsteinen geworden.

Manche erzählen diese Legende aber auch mit folgendem Schluss:... der Vierte
König kam zu Jesus am Kreuz. „Hier bin ich,“ sagte er zu Jesus. „Mein ganzes Leben wollte ich nur das eine: Dich finden. Ich habe keine Gabe mehr für dich, ich bin gebrochen wie du. Was ich dir geben kann, das ist meine Armut, meine Sehnsucht und meine Schwäche.“ Da sah der König plötzlich wieder das helle Licht des Sterns -nach so vielen Jahren!- und eine große Freude erfasste ihn. Er taumelte und
fiel vor dem Kreuz zu Boden. Er spürte keinen Schmerz und keine Furcht. „Ich habe den König der Welt gefunden! Ich habe meinen Herrn gefunden!“ dachte er.

Es war sein letzter Gedanke... Kurz darauf fanden die Leute den Toten. Er lächelte.

-Nach einer alten Legende aus Russland von Edzard Schaper, einem bedeutenden christlichen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts!-

 

November 2006

Von: Hilde Domin

Die schwersten Wege
werden alleine gegangen,
die Enttäuschung, der Verlust,
das Opfer,
sind einsam.
Selbst der Tote der jedem Ruf antwortet
und sich keiner Bitte versagt
steht uns nicht bei
und sieht zu
ob wir es vermögen.
Die Hände der Lebenden die sich ausstrecken
ohne uns zu erreichen
sind wie die Äste der Bäume im Winter.
Alle Vögel schweigen.
Man hört nur den eigenen Schritt
und den Schritt den der Fuß
noch nicht gegangen ist aber gehen wird.
Stehen bleiben und sich Umdrehn
hilft nicht. Es muss
gegangen sein.

Nimm eine Kerze in die Hand
wie in den Katakomben
das kleine Licht atmet kaum.
Und doch, wenn du lange gegangen bist,
bleibt das Wunder nicht aus,
weil das Wunder immer geschieht,
und weil wir ohne Gnade
nicht leben können:
die Kerze wird hell vom freien Atem des Tags,
du bläst sie lächelnd aus
wenn du in die Sonne trittst
und unter den blühenden Gärten
die Stadt vor dir liegt,
und in deinem Haus
dir der Tisch weiß gedeckt ist.
Und die verlierbaren Lebenden
und die unverlierbaren Toten
dir das Brot brechen und den Wein reichen -
und du ihre Stimmen wieder hörst
ganz nahe
bei deinem Herzen.

Hilde Domin

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Lebe wie ein Baum...

Halte deine Wurzeln fest verankert in der Erde
Finde deine Nahrung im Grundwasser
Lass dich durch Stürme nicht entwurzeln
Strecke deine Zweige dem nächsten Baum entgegen
Versuche deine Baumkrone in Richtung Himmel zu schieben
Lass dein Laub im Herbst beruhigt fallen doch
Knospe neu im Frühjahr
Spende Schatten in der Hitze
Lass Vögel in dir wohnen
Stärke deine Widerstandskraft
Gib deine Biegsamkeit nicht auf
Stoße knorrige, verhärtete Äste ab
Gib jungen - sprießenden Trieben Raum
Und
Führe ein Leben
wie es fest verwurzelten Bäumen entspricht.

Sylke-Maria Pohl

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Nicht die Jahre in unserem Leben zählen, sondern das Leben in unseren Jahren zählt.

Adlai E. Stevenson

 

Oktober 2006

Von: Freunde des Momme-Nissen-Hauses

Ich spüre immer mehr, dass die größte Krise unserer Zeit spiritueller Art ist und wir Orte benötigen, wo Menschen noch stärker im Geiste wachsen können und in der Lage sind, die emotionalen Konflikte in ihre spirituelle Entwicklung zu integrieren.

Henri Nouwen


"Willkommen!!!"
Jeder ist im Momme-Nissen-Haus auf Pellworm willkommen, ganz gleich
wie alt er ist,
was er denkt,
was er tut
und woher er kommt.

Für den Förderverein der "Freunde des Momme-Nissen-Hauses" ist dieser Satz ein Grundpfeiler unseres Selbstverständnisses. Wir möchten keine Bedingungen an den Anfang setzen, sondern jede und jeden so akzeptieren, wie er ist. Das bedeutet auch, dass wir niemanden gegen seinen Willen "missionieren" möchten. Es geht uns um einen tiefen Respekt vor der Einzigartigkeit eines jeden Menschen, vor seiner Freiheit und Würde und auch vor allen Formen des Glaubens oder Unglaubens.

Deshalb: Jede und jeder ist willkommen.

Willkommen zu sein bedeutet jedoch mehr als nur eine freundliche Form von
Kontaktaufnahme und Begegnung. Es ist eine Grundsehnsucht des Menschen überhaupt.

Dazu noch einige Gedanken -vor dem Hintergrund des nachfolgenden Textes:

"Wen freut es, dass ich bin?" Und der nächste Satz:"Wen freut es, dass ich bin? Das ist die Grundfrage meines Lebens,meiner Existenz geworden."
Was dann folgt, ist die erschütternde Lebensgeschichte einer Frau, für die in den ersten dreißig Lebensjahren nur eines sicher feststand:

"Ich bin nicht willkommen, ich bin nicht erwünscht, niemand freut sich, dass ich bin". Als fünftes Kind während des 2. Weltkrieges geboren, wächst sie mit dem Gefühl auf: "Ich werde zwar geduldet, aber nicht wirklich geliebt." In der Schule und im Studium ähnliche Erfahrungen. Unweigerlich sinkt mit der äußeren Ablehnung das eigene Selbstwert- gefühl und zurück bleibt eine Wüste unendlicher Einsamkeit, in der auch Gott keinen Platz mehr hat. "Wie kannst du glauben, irgendein Gott freut sich über dein Dasein, wenn es keinen Menschen gibt, der sich darüber freut? Wie kannst du meinen, ein Gott liebt dich, wenn du dich nicht hier auf Erden konkret geliebt und angenommen fühlst?" Als sich nach dem Studium ein Mann in sie verliebt, will sie es zuerst nicht glauben. Ständig hat sie Angst, es sei nur eine Täuschung und dass es wohl niemand lange mit ihr aushalten könne. Doch - sie wurde besiegt, besiegt durch einen Menschen, der sie so annahm, wie sie war, der sie voll und ganz bejahte und ihr immer und immer wieder das Gefühl gab: Ich freue mich, dass du bist, dass du da bist, dass du so bist. "Diese Erfahrung", so schreibt sie, "hat mein Leben zum Positiven gewendet. Neues Leben wurde möglich. Nach einem langen, mühsamen Prozess der Selbstfindung gelang es mir schließlich, auch mich selbst anzunehmen und mich selbst zu freuen, da zu sein. Und wenn nach 15 Ehejahren dieser Mann immer noch zu mir sagen kann: Ich bin froh, dass es dich gibt, dann weiß ich, dass Gott mit im Spiel ist."

Wohl jeder Mensch kommt auf die Welt mit dem unstillbaren Bedürfnis, zu hören und zu erfahren, dass er erwünscht und willkommen ist. Vielleicht ist es sogar der tiefste, der innigste, der eigentliche Wunsch über unsere ganze Lebensgeschichte hinweg: erwartet, aufgenommen, umsorgt zu werden und Zuwendung, Anerkennung und Wertschätzung zu finden. Und keine Angst könnte größer sein als die, abgelehnt zu werden und überflüssig zu sein.

Die Welt allerdings hängt kein Willkommens-schild über unserer Wiege auf,erfahren können wir dies nur, wenn wir es uns gegenseitig spüren lassen, mit dem Kopf, mit dem Herzen und mit dem ganzen Körper.

Du bist willkommen! Dies einander zuzusprechen und mit dieser Grundhaltung einander zu begegnen, dazu ermutigt auch der folgende Text von Petrus Celeen

"Manche Menschen wissen nicht
wie wichtig es ist, dass sie einfach da sind.

Manche Menschen wissen nicht,
wie gut es tut, sie nur zu sehen.

Manche Menschen wissen nicht,
wie tröstlich ihr gütiges Lächeln wirkt.

Manche Menschen wissen nicht,
wie viel ärmer wir ohne sie wären.

Manche Menschen wissen nicht,
dass sie ein Geschenk des Himmels sind.

Sie wüßten es, würden wir es ihnen sagen."

 

September 2006

Von: Christa Spilling-Nöker

FÜR UNTERWEGS

Wenn dich die Ferne lockt
und das Abenteuer unbekannter Länder
in die Fremde aufbrechen lässt,
dann wünsche ich dir,
dass du all das Neue,
dem du unterwegs begegnest,
ganz in dich aufnehmen kannst,
dass es deine Seele weitet
und so zu einem Teil von dir selbst wird.

Bleibe behütet,
dass dir unterwegs kein Unheil geschieht
und keine Krankheit deine Freude lähmt,
damit du, bereichert durch all das Schöne,
das du erleben durftest,
erholt in deinen Alltag zurückkehren kannst.

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"Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten soviel:
Haben. Sein. Und gelten.
Dass einer alles hat: das ist selten."

Kurt Tucholsky


Aus:Gesegnetes Leben. Segensworte für den Tag, das Jahr und den Weg des Lebens, Verlag am Eschbach der Schwabenverlag AG 2003.

 

August 2006

Von: J.R. Jimenez und Hilde Domin

„Was kümmert mich die dürre Sonne?
Ich schaffe die blaue Quelle in meinem Inneren.

Schnee oder Licht – Was tut’s?
Ich schaffe in meinem Herzen die rotglühende Schmiede.

Was kümmert mich die menschliche Liebe?
Ich schaffe der Liebe Ewigkeit in meiner Seele.

J.R. Jimenez

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Bitte

Wir werden eingetaucht
Und mit den Wassern der Sintflut gewaschen,
wir werden durchnässt
bis auf die Herzhaut.

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht,
Der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten,
der Wunsch, verschont zu bleiben,
taugt nicht.

Es taugt die Bitte,
dass bei Sonnenaufgang die Taube
den Ölzweig vom Ölbaum bringe.
Dass die Frucht so bunt wie die Blüte sei,
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden.

Und dass wir aus der Flut,
dass wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
Zu uns selbst
entlassen werden.

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„Versehrter und heiler zu uns selbst entlassen aus der Flut, aus der Löwengrube, aus dem Feuerofen: Die Sintflut ist das Bild vom großen Untergang, aus dem nur Noah und seine Mannschaft gerettet wird. Du auch Noah auf eine Weise, aber wie? Du gerettet um zu retten; du vielleicht eine Arche der Hoffnung - du deinen Enkeln Erzählerin vom Menschheitsarchiv, Überbringer von Ölzweig-Gewissheit, dass noch Land und Aussicht ist. Oder entlassen zu dir aus dem Feuerofen? Drei Männer zur Zeit des Daniel sollten der Glut ausgesetzt werden, und blieben sie unverletzt, wären sie als Gottes Kinder erwiesen. Auch Du – wo war dein Glaube im Feuerofen der Wirklichkeit beinahe zu Asche geworden? Wie hat dich Verzweiflung versengt, aber du wurdest doch hinübergerettet?

Und welcher Löwengrube bist du entronnen? Damals Daniel: Neider stellten ihm eine Falle. Sie wussten, er würde für seinen Glauben durchs Feuer gehen, also stachelten Sie den König auf, Gebete zu verbieten und anzuordnen: „dass jeder, der in dreißig Tagen etwas bitten wird von irgendeinem Gott oder Menschen außer von dir, dem König, allein, zu den Löwen in die Grube geworfen werden soll.“ Daniel wird beobachtet bei seinem dreifachen Gebet - er wird vor die Löwen geworfen. Am nächsten Morgen ist der König glücklich: Er hört Daniel sagen: Mein Gott hat seinen Engel gesandt, der den Löwen den Rachen zugehalten hat, so dass sie mir kein Leid antun konnten; denn vor ihm bin ich unschuldig, und auch gegen dich, mein König, habe ich nichts Böses getan“ (Daniel 6). Den Löwen waren die Rachen zugehalten. Hast du so was schon erlebt? Du solltest zum Chef, sahst deine Kündigung schon in Händen, und er hört dir zu, gibt dir einen neuen Auftrag; oder: In der Fremde: ein Polizist gestikuliert wild - da kommt einer von der Botschaft und glättet dem Wachtmann sein Gesicht. Oder du hast Schaden angerichtet, solltest bestraft werden, da kam dein Vater und löste dich aus. Oder einer hat dich in seiner Gewalt, und du redest mit ihm engelhaft und er gibt dich frei. Oder die wilden Tiere deiner Angst, deiner Gier sind hinter dir her- und du rettest dich in das Schutzwort: „Gott liebt mich und braucht mich, liebt mich braucht mich“ – und die Ängste verlieren ihre Fratzen, die Löwen gewinnen Menschenantlitz, so auf dem Taufstein im Wormser Dom? Versehrter und heiler werden wir durch die Not hindurch gezogen und uns selbst wieder anvertraut. Ja- jetzt hat jeder noch mit sich zu tun.

 

Juli 2006

Von:

"Schau doch mal rein..."

manchmal ein mensch
wie ein geschenk

dauer erhält die begegnung
lade ich ihn
in unser haus

die dinge
veratmen noch lang
seine gegenwart

Gudrun Reinboth


"Schau doch mal rein" - eine Einladung, die neugierig macht. Ob es lohnt, zu verweilen und sich dafür Zeit zu nehmen? - Eine Begegnung am Rande,auf der Insel Pellworm,irgendwo in einer Stadt. Wer auf Reisen geht, wird so etwas häufiger erleben und mal unverhofft, mal im Vorübergehen, mal gezielt neue Entdeckungen und Erfahrungen machen.

Doch welche Einladung könnte schöner sein als die von Mensch zu Mensch: Komm doch mal vorbei! Schau doch mal rein! Du bist willkommen! Wir leben von Begegnungen, von Austausch und Miteinander, von Gemeinschaft und Freundschaft.

"manchmal ein mensch wie ein geschenk":

überraschend, einmalig, wertvoll, beglückend…

Ich bin, Du bist willkommen und erwünscht, bei Menschen und bei Gott.


"Wohin wir auch immer reisen,
wir suchen, wovon wir träumen,
und finden doch stets nur uns selbst."
Günter Kunert



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der Hektik, dem Einerlei.
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Gebet eines Touristen

Sieh’ mich an , Herr, ich stehe vor DIR. Warum? Ich weiß es nicht recht.
Die Kirche war offen, ich bin hinein gegangen, ich habe mich umgesehen, und da kam mir der Gedanke an DICH.
Dich, Gott, den ich wohl vergessen hatte, der aber in meinem tiefsten Innersten weiterlebte.
Ich erinnere mich: du hast mich nach deinem Bilde geschaffen. Und dieses SIEGEL ist immer in mir lebendig...selbst dann, wenn ich nicht daran denke.
Ja, DU warst es wohl, der mir ein leises aber freundschaftliches Zeichen gab.

Doch, was soll ich dir sagen?

Vielleicht nichts. Vielleicht nur einige Augenblicke vor DIR verweilen; ich habe ja Zeit, bin Tourist. Jesus, DEIN SOHN, hat ja schließlich mehr als dreißig Jahre unter uns gelebt.
Da kann ich mir gern einige Augenblicke Zeit nehmen.

Ja, HERR, erwecke in mir DEINE GEGENWART, DEINE LIEBE, DEINE FREUDE, DEINE TREUE, DEIN VERZEIHEN.

Und ich, ICH nehme die Gelegenheit wahr, dir alles zu sagen, was mir am Herzen liegt:
Meine Freude, meine Hoffnung, meine Sorge, meine Unruhe, meine Mühsal, mein Versagen.
Ja, ich anvertraue dir alles, was ich bin, alles, was ich sein möchte.
Ich anvertraue dir auch alle, die ich liebe, die mir zu lieben schwer fällt.
Ich anvertraue dir die Welt: ihren Glanz und ihr Elend.
Herr, du siehst. Es tut gut, sich Zeit zu nehmen zur Begegnung, zum Gespräch mit DIR.
Im Grunde ist es gar nicht so schwer, mit DIR zu sprechen.
Sind wir doch eine Familie: Du bist mein Vater, ich bin dein Kind.
Hat uns dies nicht JESUS verkündet: Dein SOHN, dein geliebter, unser aller Bruder?
Morgen, wenn ich kein Tourist mehr bin, werde ich, denke ich, weiterhin mit DIR sprechen.
„Auf Wiedersehn, Herr“ – ein Tourist verweilt nicht lange am selben Ort!

Aber DU kannst mich begleiten Herr, mir Weggefährte sein, du bist so zurückhaltend und taktvoll, dass dich bestimmt keiner bemerkt, aber ich, ICH weiß, dass DU immer bei mir bist.

Gefunden in der Kirche „Saint Jacques – Notre Dame des Flots , Canet-en-Roussillon, Frankreich

Reise

Wohin oh Gott wird meine Reise gehn
eine Reise, die aus dem Herzen lebt
eine Reise, die nach Erfüllung strebt
eine Reise hinaus in die Welt
Wohin oh Gott wird meine Reise gehn
eine Reise, in der ich nach Liebe verlange
eine Reise, in der ich das Leben empfange
eine Reise, die meine Seele erhellt
Wohin oh Gott wird meine Reise gehn
eine Reise, in der ich mein Wesen erkenne
mein Leben von vielen Gewohnheiten trenne
eine Reise hin zu mir
Wohin oh Gott wird meine Reise gehn
eine Reise, fort von persönlichen Wünschen
eine Reise, hin zu den suchenden Menschen
eine Reise hin zu Dir


Zu Dir getragen
Ich schreibe Dir mein Leben in den Wind
in dem so viele Zeilen nicht geordnet sind
Ängste, Zweifel, ungeklärte Fragen
in die Wolken hin zu Dir, mein Gott, getragen
Selbst meine schwersten Sünden werden federleicht
steigen hin zu Dir in die Unendlichkeit
Ich schweige, meine Seele hält sich hoffnungsvoll bereit
Und irgendwann, so bete ich, kann ich vor Dir bestehen
Klaus Emmerich

 

Juni 2006

Von: Helmut Kreuter

Gedanken zu Pfingsten
"Kirche mit schmutzigen Füßen"

Pfingsten ist nicht nur das Fest des Heiligen Geistes, sondern auch das Geburtsfest der Kirche. 1922 schrieb der Theologe Romano Guardini noch voller Begeisterung: "Die Kirche erwacht in den Seelen."
Heute hört man dagegen häufiger: Die Kirche stirbt in den Seelen. Sie stirbt nicht nur wegen des angeblich "gottlosen Zeitgeistes", sondern auch deshalb, weil in der Kirche an vielem festgehalten wird, was eigentlich längst hätte sterben müssen.
Pfingsten allerdings ist nicht ein Fest des Sterbens, sondern ein Fest des Erwachens, des Aufbruchs und eines neuen Geistes. Wo dieser Geist lebt und Menschen erfasst, dort, so die Bibel, ist Kirche.

Der nachfolgende Text, der nur wenig mit dem Ereignis von Pfingsten und dem Geburtsfest der Kirche zu tun haben scheint, stammt aus dem Hohen Lied der Liebe, einem der ungewöhnlichsten Bücher in der Bibel.
In diesem Liebeslied voller Sehnsucht und Erotik wiederholt sich mehrfach eine Szene, in der die Geliebte nachts in ihrem Zimmer an den Geliebten denkt. Doch wenn dieser kommt, geschieht manchmal Merkwürdiges:

Aus dem Hohenlied (5, 2-7)
"Ich schlief, doch mein Herz war wach. Horch, mein Geliebter klopft: Mach auf meine Freundin, meine Taube, du Makellose.
Da bebte mein Herz. Doch: Ich habe mein Kleid schon abgelegt - soll ich es wieder anziehen?
Die Füße habe ich gewaschen - soll ich sie wieder beschmutzen?
Ich stand auf, dem Geliebten zu öffnen. Aber der Geliebte war weg, verschwunden. Mir stockte der Atem. Ich suchte ihn, ich fand ihn nicht. Da kamen die Wächter bei ihrer Runde durch die Stadt; sie schlugen mich, sie verletzten mich. Wohin ist mein Geliebter gegangen?"

Die Vereinigung von Liebenden, so die Aussage dieser Szene, ist nie ein Dauerzustand oder ein sicherer Besitz. Immer wieder muss die Gemeinschaft neu gesucht und gefunden werden: Wer sich nicht mehr bewegen will, wer die eigenen vier Wände seines Denkens und Fühlens nicht mehr verlassen will, wird die Liebe verlieren. Was zählt da das Argument, dass man sich für die Nachtruhe schon gewaschen hat und die sauberen Füße nicht mehr schmutzig machen möchte? Was nützt es, kein Risiko einzugehen und äußerlich heil und unbeschadet das Leben zu bestehen, wenn damit das Wichtigste des Lebens verloren geht?

In früheren Zeiten sahen viele Theologen in der leidenschaftlichen Beziehung des Liebespaares ein Gleichnis für das Verhältnis zwischen Gott und Mensch oder auch zwischen Jesus und seiner Kirche. Der heilige Augustinus hat diese Szene einmal so gedeutet, dass viele in der Kirche immer wieder versucht sind, sich in ihren eigenen Frömmigkeitsformen und Glaubens-überzeugungen einzuschließen, dabei aber Jesus ausschließen und nicht mehr mitbekommen, was vor der Tür in der Stadt los ist. "Darum", so Augustinus, "klopft Christus an, um die Ruhe der müßigen Heiligen zu stören, und er ruft: Öffnet mir!"
Entspricht dieses Bild nicht in manchem dem, was auch heute Menschen empfinden? Die Kirche, ein Haus mit vielen verschlossenen Türen, starr und müde und ängstlich bemüht, Altes zu sichern, anstatt Neues zu wagen? Da soll sie Hoffnung wecken und ist selber hoffnungslos mit sich selbst beschäftigt. Sauerteig soll sie sein, stattdessen werden die Leute sauer.

"Öffnet mir", ruft Jesus. Genau dies ist an Pfingsten geschehen. In die furchtsam und hinter verschlossenen Türen verschanzten Jünger fährt plötzlich ein neuer Geist und angetrieben von einer heilsamen Unruhe verlassen sie ihre kleine Welt und riskieren den Aufbruch in ein neues Leben. Wer sich dem Geist Gottes öffnet, "wer Christus auftut", so schrieb 1961 der damalige Theologe Joseph Ratzinger und heutige Papst Benedikt XVI., "der muss sich die Füße beschmutzen- es geht nicht anders."

Wer aber ist diese Kirche, die da aufbricht und sich die Füße schmutzig macht? Für die Bibel ist zwar Pfingsten das Geburtsfest der Kirche, aber es ist nicht das Geburtsfest einer Institution und erst recht nicht das Geburtstagsfest der Amtskirche. Pfingsten, Kirche, ereignet sich dort, wo Menschen Visionen bekommen von einer neuen und veränderten Welt, - einer Welt, in der Fremdheit und trennende Grenzen aufgebrochen werden und Menschen nach neuen Verständigungs- und Lebensmöglichkeiten suchen. Für das Pfingsten, das sich hier ereignet, brauche ich keine Hierarchie. Die Kirche, die hier zu leben beginnt, ist eine Gemeinschaft von freien, souveränen und mündigen Menschen. So wünschenswert und notwendig es wäre, wenn sich die Amtskirche verändern würde, Pfingsten lenkt den Blick auf jeden Einzelnen. An Pfingsten wird uns nämlich zugesagt, dass Gottes Geist in jedem Menschen wirksam werden kann. An Pfingsten werden wir aber auch gefragt, ob wir uns von der verändernden Kraft des Geistes noch anstecken lassen oder ob nicht auch wir manchmal Fenster und Türen zuschließen. Deshalb: Welche Vision von der Kirche, vom Leben, habe ich? Welcher Geist bewegt mich, meine Türen zu öffnen und mich mit anderen auf den Weg zu machen, auch wenn dabei die Füße schmutzig werden?

 

Mai 2006

Von:

Auf den Flügeln der Stille

In der Stille
kommt wortlos die Freude

Sich selbst ergründen heißt sich selbst vergessen
Sich selbst vergessen heißt
eins mit den zehntausend Dingen sein

Meister Dogen im 13.Jh

Wenn dein Auge gesund ist,
wird auch dein Körper hell sein…
Wenn dein ganzer Körper voll Licht ist und nichts Dunkles in ihm,
wird er so hell sein, als wenn eine Lampe
dich mit ihrem Schein erleuchtet.

Lk 11,34-36

 

April 2006

Von:

"Was man mit Gott alles machen kann ......"

Man kann Gott verantwortlich machen für Hunger und Elend.

Man kann Gott leugnen, weil er sich nicht sehen lässt und Unglück nicht verhindert.

Man kann Gott mieten zu besonderen
Anlässen: Er dient der Feierlichkeit und fördert den Umsatz.

Man kann Gott nur für sich haben wollen und anderen -
besonders Andersdenkenden -
Gott absprechen.

Man kann Gott für die eigene Macht gebrauchen, indem man sagt,
alle Autorität komme von Gott.

Man kann im Namen Gottes Kriege führen, Menschen verdammen und töten
und sagen, das sei Gottes Wille.

...
Das alles aber ist gott-los. Man kann mit Gott nichts "machen",
weder ihn gebrauchen noch ausnutzen, denn GOTT IST DIE LIEBE, und daran
hat nur Anteil, wer diese Liebe in sich selbst groß werden lässt.

Hubertus Halbfas

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Ostermorgen

Immer wieder machen wir uns auf den Weg zum Grab unserer Hoffnung.
In das Linnen der Enttäuschung gewickelt, von den Steinen der Unwiderruflichkeit umschlossen, wartet sie dennoch auf uns:

In Gestalt einer Rose,
im Tonfall eines Gesprächs,
in der Wärme einer begrüßenden Hand,
im zärtlichen Trost der Liebe.

Über dem leeren Grab
wölbt sich ein strahlender Himmel.
Ostern. Heute. Morgen.
Und immer wieder.

(nach Margarete Kubelka)

"Wer Ostern kennt,
kann nicht verzweifeln."

Dietrich Bonhoeffer

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Gebet um Offenheit und Verfügbarkeit

Herr öffne mir die Augen,
mach weit meinen Blick und mein Interesse,
damit ich sehen kann,
was ich noch nicht erkenne.
Herr, gib mir ein großzügiges Herz,
das sich deinem Wort überlässt
und zu tun wagt,
was es noch nicht getan hat.
Herr, ich weiß, dass ich nur lebe,
wenn ich mich von dir
rufen und verändern lasse.
Amen

Peter Köster SJ 

 

April 2006

Die Welt riecht süß
nach Gestern.
Düfte sind dauerhaft.

Du öffnest das Fenster.
Alle Frühlinge
kommen herein mit diesem.

Frühling der mehr ist
als grüne Blätter.
Ein Kuß birgt alle Küsse.

Immer dieser glänzend glatte
Himmel über der Stadt,
in den die Straßen fließen.

Du weißt, der Winter
und der Schmerz
sind nichts, was umbringt.

Die Luft riecht heute süß
nach Gestern –
das süß nach Heute roch.


Hilde Domin
(geb. 1909, Hildegard Löwenstein)
(gest. 22-2-2006)

In: „Rückkehr der Schiffe„

Ich gebe euch ein neues Herz: Einführung und Hilfen zu den Geistlichen Übungen des Ignatius von Loyola, Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1978

 

März 2006

Von: rudolf weiß

Die Zeit ist kurz.
O Mensch, sei weise und wuchere mit dem Augenblick,
nur einmal machst du diese Reise, lass eine Segensspur zurück.

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Gedanken zur Fastenzeit
fast zeit - fastenzeit

fast zeit mit den kindern drachen zu bauen
fast zeit für ein lächeln
fast zeit Schubert zu hören
fast zeit einen brief zu schreiben
fast zeit dir einmal zuzuhören
fast zeit mich in eine kirche zu setzen
fast zeit auszurasten bevor ich ausraste
fast zeit stehenzubleiben bevor ich eingehe
fast zeit das wetter zu spüren und den wind
fast zeit wirklich zu sehen statt vorbeizuschauen
fast zeit zu hören statt berieselung
fast zeit zu schmecken statt zu schlingen
fast zeit Schneeglöckchen zu suchen
fast zeit Überraschungen zu finden
fast zeit für ein frühlingserwachen
fast zeit mich auszuschlafen
fast zeit mir zeit zu nehmen
fast zeit dir zeit zu schenken
fast zeit
fastenzeit


"Früher, als die Brigitte-Frühjahrsdiät
noch Fastenzeit hieß, wurde es vom Palmsonntag an richtig ernst mit der Pflicht, den Gürtel enger zu schnallen."

(Süddeutsche Zeitung)

 

Februar 2006

Von: Eugen Roth

"Ein jeder Mensch braucht Humor"
Lachen, Heiterkeit, Witz, Humor, - wessen Gesicht hellt sich nicht auf, wenn er solche Worte hört. Der Mensch ist nicht nur Mensch, wenn er arbeitet und etwas leistet, wenn er produziert und konsumiert, sondern erst recht, wenn er singt und lacht und das Leben mit Humor betrachtet. Die Zeit des närrischen Humors ist schnell wieder vorbei, nicht vorbei sein sollte jedoch jene humorvolle Grundhaltung, die es ermöglicht, dem Leben und den lieben Mitmenschen trotz mancher Widerwärtigkeiten immer wieder seine liebenswürdigen Seiten abzugewinnen. Zu dieser Art von Humor gehört auch die Güte, das Hinwegsehenkönnen über menschliche Schwächen, im Bewußtsein, daß ohne Barmherzigkeit niemand überleben kann. Ein Meister dieses Humors ist der Dichter Eugen Roth. Von ihm stammt die folgende Geschichte:


Unglaubwürdige Geschichte

Ein Mensch, ein wahrhaft großmut-gütiger,
Und ein noch weitaus größermütiger,
Bekommen miteinander Streit -
Das heißt natürlich, insoweit
Ein streitvergleichbares Gebilde
Entstehen kann bei solcher Milde.
Der Gütige nennt allein sich schuldig,
Indes der Gütigere geduldig
Den Gütigen dahin belehrt,
Es sei gerade umgekehrt;
Die Un-Schuld ganz auf sich zu nehmen,
Will keins von beiden sich bequemen,
Weil er es nie dem andern gönnte,
Da er - der andre - sagen könnte,
Er habe, um zum End zu kommen,
Die Unschuld ganz auf sich genommen
Und damit, und das ist es eben,
Die Schuld des andern zugegeben.
Nun gut, nachdem sich jeder weigert,
Wird das Gespräch hinaufgesteigert,
Doch nicht zur Grobheit wie gewöhnlich,
Nein, hier natürlich höchstversöhnlich,
Bis es, ganz aus sich selbst verschwendet
In Lächeln und in Demut endet
Und beide in beglücktes Schweigen
Wie Kinderluftballone steigen.

 

Januar 2006

Von: Antonio Machado,spanischer Lyriker, 1875-1939


Wanderer, nur deine Schritte sind der Weg,
und mehr nicht;

Wanderer, es gibt nicht den Weg,
Weg findet sich, wenn du gehst.

Wenn du gehst, kommt der Weg,
und wirfst du den Blick rückwärts, erblickst du den Pfad,
den du nie wieder wirst einschlagen werden.

Wanderer, es gibt nicht den Weg, nur Striche und Furchen im Meer.


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