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DEFAULT : Wort des Monats April 2009
01.04.2009 17:03 ( 1205 x gelesen )

Wort des Monats April 2009

Ein Maß in der Maßlosigkeit
Zwei Takte, vier Takte – beim Tanz und bei der Musik, selbst beim Motor im Auto geht es um Rhythmus und Takt. Die Uhren haben ihr Tick-Tack großteils verloren. Im digitalen Zeitalter erscheinen nur noch Zahlen auf dem Ziffernblatt. Wie wichtig aber ist es, dass mein Herz im richtigen Rhythmus schlägt.



Herzrhythmusstörungen müssen schnell korrigiert werden. In vielen Bereichen unseres Lebens leiden wir an „Herzrhythmusstörungen“. Wir verlieren das Taktgefühl und kommen durcheinander. Bereits im vierten Jahrhundert schrieb der Wüstenmönch Abbas Poimen: „Alles Übermaß ist von den Dämonen.“ Es ist die Kunst des Lebens, die richtige Dosierung zu finden. Schlangengift kann zum Heilserum werden, wenn es im richtigen Maß verabreicht wird. Auch unser Leben braucht ein Maß und eine Ordnung. Ein alltäglicher Rhythmus ist uns vorgegeben. Der Rhythmus von Tag und Nacht, von Wachen und Schlafen, von Werktag und Sonntag. Die Maßlosigkeit verursachen wir selbst. Wir drücken auf den Lichtschalter und verwandeln die Nächte in Tage. Wir trinken eine Tasse Kaffee und verdrängen die Schläfrigkeit. Wir schlucken Vitaminpräparate und verkürzen den Urlaub. Wir haben viele Möglichkeiten, natürliche Ordnungen zu durchbrechen. Aber alle Einseitigkeit macht uns krank. Alle Extreme machen uns depressiv. Die Tugend liegt im Maß, das Laster im Extrem. Es ist die Kunst des Lebens, die richtige Dosierung zu finden.

Einige besinnen sich wieder auf alte Regeln und erprobte Maßstäbe. Solch ein alter Grundsatz ist die benediktinische Lebensform: „Ora et labora“. Gebet und Arbeit bestimmen den Tagesrhythmus. In einigen neuen Büchern der Spiritualität wird diese polare Spannung mit den Bildern von Marktplatz und Wüste beschrieben. „Nur wer in der Wüste daheim ist, hat auf dem Marktplatz etwas anzubieten.“ „Die Stunden der Einsamkeit müssen mit denen der Gemeinsamkeit in einem bestimmten Verhältnis stehen, sonst verkümmern die Horizonte, und die Gehalte werden zerredet und vertan“, schreibt der Jesuit Alfred Delp, der von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Er sagt weiter: „Es steht schlimm um ein Leben, wenn es die Wüste nicht besteht oder sie meidet. Das ist eine der bewussten Befreiungstaten, die der Mensch an sich selbst tun muss, dass er sich immer wieder in der Einsamkeit dem ‚großen Frager’ und dem echten Anblick der Dinge stellt. Die Wüste gehört dazu.“

Die Wüste gehört dazu. Der Marktplatz allein macht unser Leben banal und oberflächlich. Die Beduinen sagen: „Wer aus der Wüste kommt, darf reden.“ Müssen die Stunden der Einsamkeit mit denen der Gemeinsamkeit in einem bestimmten Verhältnis stehen, damit die Gehalte nicht zerredet werden? In der Einöde und in den unendlichen Weiten der Wüste herrschen intensivere menschliche Beziehungen als in manchen vollgepfropften Hochhäusern unserer dicht bevölkerten Großstädte, in denen keiner den anderen kennt. Auf den Straßen hasten wir aneinander vorbei und grüßen keinen mehr. In der Wüste ist es selbstverständlich, dass man halt macht, wenn man einem Menschen begegnet. Man grüßt einander, erkundigt sich nach dem Woher und Wohin, fragt, ob der andere etwas braucht, ob man helfen kann, ob sonst jemand unterwegs ist.

Vor der Riesenkulisse der lebensfeindlichen Wüste gilt der Mensch noch etwas. In der Einöde tritt der Mensch nicht als namenloser Teil einer anonymen Masse auf, sondern als der unverwechselbare Einzelne. Die Begegnung mit ihm ist kostbar. Nach tagelangen Fahrten durch menschenleere Gegenden erscheint die Begegnung wie ein Wunder. Hier tut sich Tieferes kund. Wahre menschliche Begegnung gelingt nur im Raum des Schweigens und der Stille. Freundschaften werden in der Wüste geschlossen – Freundschaften zwischen Menschen, aber auch Freundschaft mit Gott. So geschieht das Paradoxe: Gerade die Einöde wird zum Ort der Kommunikation, die Leere zum Ort der Begegnung, das Schweigen zum neuen Dialog.
Es gibt Worte, die mit besonderer Aufmerksamkeit aufgenommen werden. Dazu gehört ein Brief aus dem 12. Jahrhundert. Er wurde schon oft veröffentlicht und ist aus der Erfahrung der Spiritualität der Zisterzienser geschrieben.

Der heilige Bernhard von Clairvaux, der von 1091 bis 1153 lebte, schrieb an seinen Freund, den früheren Mönch, der als Papst Eugen III. regierte, folgenden Brief: „Wo soll ich anfangen? Am besten bei Deinen zahlreichen Beschäftigungen, denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit Dir. Ich fürchte, dass Du, eingekeilt in Deine zahlreichen Beschäftigungen, keinen Ausweg mehr siehst und deshalb Deine Stirn verhärtest; dass Du Dich nach und nach des Gespürs für einen durchaus richtigen und heilsamen Schmerz entledigst. Es ist viel klüger, Du entziehst Dich von Zeit zu Zeit Deinen Beschäftigungen, als dass sie Dich ziehen und Dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem Du nicht landen willst. Du fragst, an welchen Punkt? An den Punkt, wo das Herz hart wird. Wenn Du ganz und gar für alle da sein willst, nach dem Beispiel dessen, der allen alles geworden ist (1 Kor 9,22), lobe ich Deine Menschlichkeit – aber nur, wenn sie voll und echt ist. Wie kannst Du aber voll und echt Mensch sein, wenn Du Dich selbst verloren hast? Auch Du bist ein Mensch. Damit Deine Menschlichkeit allumfassend und vollkommen sein kann, musst Du also nicht nur für alle andern, sondern auch für Dich selbst ein aufmerksames Herz haben. Denn was würde es Dir sonst nützen, wenn Du – nach dem Wort des Herrn (Mt 16,26) – alle gewinnen, aber als Einzigen Dich selbst verlieren würdest? Wenn also alle Menschen ein Recht auf Dich haben, dann sei auch Du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. Warum solltest einzig Du selbst nichts von Dir haben? Wie lange bist Du noch ein Geist, der auszieht und nie wieder heimkehrt (Ps 78,39)? Wie lange noch schenkst Du allen andern Deine Aufmerksamkeit, nur nicht Dir selber? Ja, wer mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann der gut sein?
Denk also daran: Gönne Dich Dir selbst. Ich sage nicht: tu das immer, ich sage nicht: tu das oft, aber ich sage: tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für Dich selbst da oder jedenfalls sei es nach allen anderen.“


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